Aushalten

Was ist, wenn einen der Kopf immer weiter in die Verzweiflung treibt, weil er einfach keine Ruhe geben will? 
Was ist, wenn man sich so sehr nach Ruhe sehnt, aber keine findet, egal wie still es um einen herum ist? 
Was ist, wenn man sich die Decke über den Kopf ziehen und am liebsten in die Ohren drücken möchte, weil man seine eigenen Gedanken nicht mehr hören will? 
Was ist, wenn alles zu viel wird, obwohl da gefühlt nur noch Einsamkeit ist? 
Was ist, wenn nur Fragen und keine Antworten da sind? 
Was ist, wenn die Zeit ständig gegen Dich arbeitet? 

Was ist, wenn man sich selbst verliert? 

Was ist, wenn man es einfach nicht mehr mit sich selbst aushält? 

Was ist dann?
Was denken?
Wohin gehen?
Wo Stille finden?
Woher Kraft nehmen?
Wie sich selbst finden?

„The question then is how to get lost. Never to get lost is not to live. Not to know how to get lost brings you to destruction.  And somewhere in the terra incognita in between lies a life of discovery.“ (Rebecca Solnit „A field guide to getting lost“)

Im übertragenen Sinne klingt das nach der guten Version des Sich-Selbst-Verlieren. Aber sich zu verlieren, sich in sich selbst zu verirren, birgt immer die Gefahr der Zerstörung. An Zerstörung ist meiner Meinung nach generell nichts romantisch oder aufregend. Sich dem hinzugeben führt unweigerlich zu einem unglamourösen Ende. Dagegen anzukämpfen kostet alle Kraft die man hat. 

Was ist, wenn die Kraft am Ende ist? 

Und WELCHE Kraft genau ist am Ende? 

Der Kopf scheint weiterhin die Kraft zu haben, alles zu zerlegen und niemals zu ruhen. Er macht, was er will und lässt keine Kontrolle zu. Der Körper reagiert darauf mit ständiger Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Erschöpfung und Schlafmangel. Kopf und Körper sind im Kriegszustand. Die Seele kann nur hilflos zusehen, wie alles zugrunde gerichtet wird. Hin- und hergerissen zwischen Kopf und Körper. Hilflosigkeit macht zerbrechlich. Wenn die Seele zerbricht, dann ist alles verloren.  

Alles davon bin ich. Ich betrachte alles von außen, während ich im Auge des Hurrikans nach Halt suche. Was für ein Schwachsinn. 

Wo denn festhalten, wenn nichts mehr am Platz ist?
Wo denn Sicherheit finden, wenn alles zerstört wird? 

Aushalten.
Auf die Zeit setzen.
Nach der eigenen Stärke zu suchen.
Hat doch alles immer irgendwann geklappt.
Wird schon wieder.
Ist doch immer wieder irgendwann geworden.

Was wenn nicht? 

Der Zweifel ist ganz groß, wenn es um das ständige Zermartern geht. Zusammen mit seinen Freunden Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit kann er richtig was rocken. Er hilft beim Verirren und leitet die Selbstzerstörung ein, während er dir dabei laut ins Gesicht lacht. Das ist ganz klar Stoff für großes Kino, aber beim Thema Depressionen sollte hier niemand die Hauptrolle übernehmen.
Denn ständiges Zermartern kostet alles. Kraft, Stärke, Hoffnung, gute Gefühle. Alles immer wieder kaputt denken, ohne dass wirklich etwas kaputt geht. Oder ein Ende findet. Ruhelos von einem Gedanken zum nächsten hasten und keiner davon fühlt sich gut an. Wenn das gute Gefühl nicht einmal mehr zur Erinnerung ausreicht, dann wird alles unfassbar schwer. Wenn Hoffnung und Freude fehlen, trägt man zwar theoretisch weniger mit sich herum, aber das Fehlen wiegt schwerer als alles andere. Bis es alles erstickt.

Also funktionieren.

Nicht liegenbleiben. Was aber, wenn man immer nur aufsteht, weil Liegenbleiben irgendwann auch unbequem wird? Auch wenn die Option vom Dornröschenschlaf verlockend klingt. Aber vielleicht hatte Dornröschen ja auch Albträume?
Hallo Zweifel, da biste ja wieder.Funktionieren klingt immer so schön nach Autopilot. Nach Kontrolle und Steuerung abgeben. Das Gegenteil ist der Fall. Funktionieren ist auch wieder so ein Kraftakt. Funktionieren weil der Alltag und alles andere das so vermutlich erwartet. Und weil alles andere genau genommen eine schlechte Option ist. Im Kriegszustand funktioniert man, weil alles andere auch keinen Sinn macht. Dann geht es nur noch um das Überleben. Wie auch immer das aussieht.

Und wie auch immer das funktionieren soll. 

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