Das Ding mit der Selbstliebe

Spoiler: Das bekomme ich in diesem Leben nicht mehr hin. Macht aber nix.

Auf sämtlichen Social Media-Kanälen, in Zeitschriften und auch im Freundes- und Bekanntenkreis geistert das Wort „Selbstliebe“ mit einer Penetranz durch den Raum, dass es schwierig wird, es zu ignorieren. Es schreit einen förmlich an. Blogs, Artikel, Bilder – jeder Post signalisiert, dass es total einfach und vor allem aber existenziell ist, dass man sich selbst akzeptiert und lieben lernt. Sich an kleinen Dingen erfreuen, die richtige Atemtechnik, Akzeptanz: all das soll uns dabei helfen, den Alltag lebenswerter und schöner zu machen. 

Mit der eigenen Akzeptanz kommt die vielleicht sogar das Glück zu Dir (zurück). Radikale Akzeptanz, Selbstwahrnehmung, das innere Kind umarmen, Achtsamkeit, Vertrauen, den eigene Wert – es gibt viele Wege zum Glück. Schlußendlich ist das alles dasselbe und dient dem immer gleichen Zweck: der Erkenntnis, dass man sich selbst lieben muss, um glücklich zu werden. An sich ist das auch nicht schlecht. Ja, ganz sicher ist das Thema sogar sehr wichtig und gut. Aber…  es ist eben nicht immer so leicht umzusetzen, auch wenn dir noch so oft gesagt wird, dass das eigentlich ganz einfach ist. 

Ganz sicher ist der inflationär gebrauchte Begriff der Selbstliebe nicht für jeden passend. Im Gegenteil, ich finde ihn irreführend, weil er suggeriert, dass alles gut wird, wenn du dich nur selbst genug liebst. Was ist aber, wenn man sich selbst gar nicht so sehr liebt?

Ich habe schon häufiger gehört, dass ich mich täglich auf kleine Freuden konzentrieren soll, um langfristig glücklicher zu werden (und um die Depressionen in den Griff zu bekommen. Das, Sport und Medikamente … ach, lassen wir das…).

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das ankotzt. 

Ich weiß, dass es die kleinen Dinge sind, die es zu schätzen gilt. Und ja, ich schätze viele kleine Dinge, große Gesten sind nicht meins. Ich halte aber nichts davon, mir jeden Tag etwas zu suchen, was mir Freude macht. Das erzeugt nur unnötigen Stress und macht mich nicht glücklich. 

Da ist die Frage, ob ich überhaupt jeden einzelnen Tag glücklich sein möchte? Glück ist für mich ein Zustand der Superlative – schwer zu erlangen und vor allem zu halten. 

Zufriedenheit ist mein best case. Wenn ich mich an einem Tag an etwas Gutes erinnere oder mir etwas widerfährt, was mir ein gutes Gefühl gibt, dann ist das schön. Das ist aber nicht jeden Tag so. Manche Tage sind einfach nur doof. Der Blick für Kleinigkeiten ist getrübt, die Erinnerungen weit weg. Muss ich mir an solchen Tagen unbedingt etwas suchen, was den Tag besser macht? Ich finde nein. Ich darf einen schlechten Tag auch ganz einfach scheisse finden.

Selbstliebe bedeutet für mich, dass ich die Tage so akzeptiere, wie sie sind. Egal ob positiv oder negativ. Ja, ich weiß, der Kreis von Selbstliebe und Akzeptanz schließt sich hier, aber anders als es mir alle Blogs der Welt verkaufen wollen. 

Meine Kindheit war… schwierig. Ich habe Dinge erlebt, die mich verletzt und traumatisiert haben. Keine dieser Verletzungen wird in diesem Leben jemals heilen, egal wie sehr ich mir das auch wünschen würde.
Eins der Dinge, die ich erlebt habe, wird als „Gaslighting“ bezeichnet. Das bedeutet, mir wurde durch eine Person im engeren Familienkreis seit frühester Kindheit eine andere (schlechte) Wahrnehmung meiner selbst eingeredet. Ich habe so oft gehört, dass ich schlecht und wertlos bin, dass es eine Tatsache für mich geworden ist. Zahlreiche Therapiesitzungen, Klinikaufenthalte und viel Arbeit im Traumabereich haben hier ehrlich gesagt nicht viel ausrichten können. Die mir vermittelten Glaubenssätze sitzen zu tief und sind schon zu lange zur Realität geworden. Mein inneres Kind schreit immer noch, weil ihm alles wehtut und weil es einsam ist. Ich habe keine Ahnung, wie ich es umarmen und beruhigen kann. Das habe ich leider nie gelernt, vieles davon ist einfach zu schmerzhaft. Hinzukommt, dass ich bestimmte Erlebnisse und Gefühle abgespalten habe und keinen Zugang dazu finde. 

Das macht das Ding mit der Selbstliebe für mich enorm schwer bis unmöglich. Fast jedenfalls. 

Dieses kleine „fast“ vor dem Wort ist ein Quantensprung. Denn da ist eine Tatsache, die immer da war, die ich aber nicht erkennen konnte. Ich lebe noch. Und das muss einen Grund haben. 

Meine extrem schwierige Kindheit und Jugend, Schicksalsschläge in meiner Familie, Depressionen seit dem 17. Lebensjahr, ein Suizidversuch, Klinikaufenthalte, gescheiterte Beziehungen, eine Fehlgeburt und eine Krebserkrankung – all das gehört zu meinem Leben. Meine Therapeutin sagte zu mir in meiner ersten Sitzung, nach einer Kurzfassung meines Lebens: „Wahnsinn. Und Sie leben noch.“. Ich bin dabei zusammengezuckt.

Aber ja, ich lebe noch. Weil ich mich zwischen all den tiefen Tälern und der Dunkelheit immer wieder selbst aus der Traurigkeit, der Verzweiflung und der Angst gezogen habe. Nach wirklich schlechten Zeiten kamen gute, positive Dinge und Erlebnisse. Ich habe Ängste überwunden, meine eigenen Grenzen getestet und sie so manches mal erweitert. Und ich werde nicht müde, damit weiterzumachen. Ich will Neues kennenlernen und Dinge ausprobieren. Weil: es ist irgendwann immer wieder gut oder besser geworden. Ich versuche einen Boden zu schaffen, auf den positive Glaubenssätze fallen könnten und ich erkenne ganz langsam, dass mir das eigentlich schon echt oft gelungen ist. Ich kann Liebe geben, ich kann eine Freundin und Vertraute sein. Ich kann mein ganzes Vertrauen in einen anderen Menschen setzen, egal wie sehr mich andere Menschen davor schon enttäuscht haben.

Ich werde mich nie selbst lieben, aber all das bedeutet Selbstwirksamheit

Ich muss mich nicht lieben, aber ich kann darauf vertrauen, dass ich Dinge hinbekomme, eben weil ich sie schon einmal hinbekommen habe.

Ich kann darauf vertrauen, dass ich aus Dingen lerne und dadurch stärker werde. Das mag nicht immer klappen und es wird Rückschläge geben, aber das ist in Ordnung. Auch daraus werde ich lernen.

Nur so bin ich stark genug für mich selbst. 

Wer sich so oft verloren hat wie ich, der merkt trotz allem irgendwann, dass irgendein Teil immer irgendwo kleben bleibt. Es gelingt mir von mal zu mal besser, diese Stelle zu finden.

Es ist in Ordnung, wenn ich mal nicht stark und sicher genug bin, auch wenn ich mich in diesen Momenten hasse. Ich mag keine Unsicherheit.

Der Glaube an die eigene Stärke, zu sehen, was ich schon überwunden habe und die Tatsache, dass ich immer noch lebe, das bedeutet für mich Selbstwirksamkeit. Ich habe etwas, was für mich und gegen das Dunkel wirkt. Mich

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