Die Wurzel allen Übels

Mein Leben als Bild wäre im Moment wohl eine Art Landschaft. Es gibt eine Wiese auf der ein Baumstumpf steht, in den irgendwann mal der Blitz eingeschlagen hat. Das Gras ist irgendwas zwischen braun und doch schon wieder ein bisschen grün. Für Blumen reicht es aber noch nicht. Über der Wiese hängt der Nebel, ganz oben sind zwei, drei Wolken und ganz weit oben, da kommt vielleicht ein kleiner Sonnenstrahl.

Der Baum ist tot. Der Blitz, der dort eingeschlagen ist, hat ihn ausgebrannt. Er steht als verwitterter Stumpf mitten auf der Wiese. Man kann sich nicht an ihn anlehnen, er spendet keinen Schatten und er bietet auch keinem Lebewesen ein Zuhause. Er ist ein Schandfleck auf der Wiese. 

Die Wiese beginnt an manchen Stellen wieder zu blühen, man könnte etwas aus ihr machen. Den Baumstamm entfernen, einen neuen Baum pflanzen, vielleicht sogar ein kleines Wäldchen. Blumen könnten wachsen, Leben wäre dort möglich. 

Vielleicht könnte man sich wohlfühlen, nein – ganz sicher könnte man sich dort wohlfühlen, wenn die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Der neue Baum könnte wachsen und irgendwann bewegen sich seine Äste im Wind. Ich könnte mir das Grün der Blätter ansehen, die satte Farbe im Sommer genießen und das leichte Rauschen der Äste und Blätter im Wind würde mir Ruhe geben.  

Aber da ist noch dieser tote Baumstumpf. Er steht mitten auf der Wiese, er steht für etwas, was einmal sehr schmerzhaft war. Seine Wurzeln sind tief. Sehr tief. Sie sind mit viel Kraft in die Erde gewachsen. Als hätte jemand nachgeholfen, ihnen den Weg gezeigt und sie stark und unnachgiebig gemacht. 

Auf jedem Wurzelstrang steht ein Satz geschrieben:

„Du bist nicht gut genug.“
„Niemand hält es mit dir aus.“
„Andere sagen auch, dass du ein seltsamer Mensch bist.“
„Aus Dir wird nichts.“
„Du kannst nichts und Du wirst nie etwas können.“
„Warum bist du nicht wie …?“
„Sieh dich doch mal an, was bist Du nur für ein Mensch.“
„Du bist undankbar.“
„Wir hätten dich weggeben sollen.“
„Du weißt, das Jugendamt kann Dich jederzeit abholen und ins Heim stecken.“
„Ich rufe jetzt das Jugendamt an, dann können die sich mit dir rumschlagen.“
„Weil Du so schrecklich bist, ist Deine Mutter an Krebs gestorben.“
„Wenn es nach mir gegangen wäre, wärst du zur Adoption freigeben worden.“

Diese Sätze sitzen so tief in jeder Wurzel, dass es fast unmöglich ist, sie aus der Erde zu ziehen. Ich versuche es seit so vielen Jahren, aber es will mir einfach nicht gelingen. Ich sehne mich von ganzen Herzen nach einer friedlichen Wiese mit einem schönen großen und blühenden Baum. Aber ich werde den Baumstumpf nicht los. 

Ich ziehe an den Wurzeln und mit mir ziehen auch andere fest an den Wurzeln. Menschen, die mich davon überzeugen wollen, dass all diese Sätze nicht wahr sind. Dass sie von einem Menschen gesagt wurden, der mir aus welchem Grund auch immer schaden wollte. Aber das dringt kaum zu mir durch. Ich bin mit diesen Sätzen aufgewachsen. Zu den Zeiten, in denen man als Kind lernt, wächst und Dinge versteht, in diesen Zeiten haben mich diese Sätze geprägt. Sie wurden mir eingehämmert. Mit Gewalt. 

„Nicht ins Gesicht, das sieht man!“

Kein Satz, der zu mir gesagt wurde. Aber ich stand vor der Person, die diesen Satz hörte, hielt mir die Wange und weinte. 

Die Wurzeln tun weh. Sie drücken die Luft zum Atmen ab. Da ist kein friedliches Rauschen, kein schönes Grün, da sind keine Vögel, die fröhlich zwitschern. 

Auf den Wolken über dem Nebel stehen drei Worte:

Unsicherheit

Wertlosigkeit

Selbstzweifel.

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