F-33.2 – rezidivierende Depression

Als „rezidiv“ werden Krankheitssymptome bezeichnet, die nach einer beschwerdefreien Phase wiederkehren.

(Gilt nicht beim Schnupfen.)

Im Falle einer ersthaften Erkrankung verwandelt es das Leben in ein Auf und Ab. Ist es einmal passiert, gibt es keine Sicherheit mehr. Ein Leben mal mehr, mal weniger in Sorge, aber ständig auf der Hut. Wachsam sein, Symptome erkennen und möglichst keine Hysterie entwickeln. Normale Zeit wird zu wirklicher Lebenszeit. Erkennt man ein Rezidiv im Rahmen einer Krebserkrankung bedeutet es nicht unweigerlich den Tod, jedoch muss man ihn trotzdem in Betracht ziehen. Den Druck muss man aushalten. Ein Leben lang. Sorglosigkeit wird zum innigsten Wunsch, denn so richtig kann man sich nicht mehr an die Zeiten erinnern, in denen alles unbeschwert und leicht war.

Bei einer Depression gilt es, die bekannten Anzeichen zu erkennen, damit man kann dagegen steuern kann. Also wenn es irgendwie optimal laufen soll. 

Dabei kann es schon zu spät sein, wenn man es selbst erkennt. Erklärt man die Erschöpfung am Anfang noch alltagsbedingt, sind die Tränen darüber ja erst einmal eine logische Reaktion. Ist ja auch alles ein bisschen viel im Moment. Wenn sich die traurigen Gedanken häufen, merkt man vielleicht mal kurz auf. Aber traurig ist ja jeder irgendwann mal. Das Leben besteht nicht nur aus Sonnenschein. Dinge passieren, Verletzungen passieren. Dabei ist man ja immer bemüht, Verletzungen zu vermeiden. Vielleicht manchmal ein bisschen zu sehr bemüht. In meinem Fall ganz sicher zu sehr.

Traurigkeit fordert alles, nimmt sich alles und wälzt dann alles platt. Es gibt unendlich viele Gründe für Traurigkeit, aber nur ein Gefühl dafür. Wenn man versucht, sie zu beschreiben, findet man kaum Worte dafür. Sie ist diese Art von ungeliebten Gast, den man einfach niemals sehen möchte. Sie taucht plötzlich auf, sagt nicht, wie lange sie bleibt und lässt rücksichtslos ihren Kram rumliegen. Sie ist unfassbar laut, obwohl sie keinen Ton von sich gibt. Sie setzt sich auf den Brustkorb und wippt so lange hin und her bis die Luft wegbleibt. Sie duldet niemanden neben sich und bekämpft alles, was ihr ihren Platz streitig machen könnte. Sie ernährt sich von allem, was gut sein könnte, zerbeißt alles bis nichts mehr übrig ist und spuckt es dann verächtlich vor die Füsse, bevor sie weiterzieht und ein weinendes Häufchen Elend zurücklässt. 

An diesem Punkt gibt es nur zwei Möglichkeiten: zusammensetzen oder verlieren. 

Klappt das zusammensetzen, dann hat man eine gute Chance, dass alles wieder irgendwie gut werden kann. Dann kann man weitermachen, positive Dinge wieder zulassen und genießen. Sie erst einmal wieder erkennen

Verliert man, verliert man alles, was gut ist. Positive Gedanken, Freude, Hoffnung, Sorglosigkeit, Liebe. Denn dann stellt sich raus, dass die Traurigkeit eigentlich gar nicht abgehauen ist. Sie ist immer noch da und schlägt aus der Deckung immer wieder zu. 

Dann ist es zu spät. Dann ist das wieder da, was man nie mehr durchmachen wollte. Das Leben in der Vakuumverpackung, das nur eine Richtung kennt: nach unten. Egal wie sehr man kämpft. 

Trotzdem kann man es schaffen. Denn es gibt beschwerdefreie Phasen. Und die zeigen, dass das Leben trotz aller Angst vor der Traurigkeit lebenswert sein kann. Und das man alles tun muss, damit man nicht verliert. Damit man lernt, dass Wörter wie „gerne“ nicht nur leer, sondern auch ein Gefühl sind. 

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