Stehenbleiben und weitergehen

Ich habe schon überall gestanden. Mal auf der richtigen, mal auf der falschen Seite. Mal mittendrin, mal am Rand. Auf der Sonnenseite, aber auch oft im Schatten. Ich bin sehr oft durch die Dunkelheit gegangen, stehen geblieben und gleichzeitig an allen Sonnenpunkten vorbeigerannt. 

Ich habe mich überall umgesehen, alles aufgesogen, Vieles erkannt und nicht weniger ignoriert. Sehr oft habe ich mich klein gefühlt, weniger wertvoll, fehl am Platz. 

Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mich fehl am Platz gefühlt habe. Andere haben immer besser – wo auch immer – hingepasst. Das Gefühl, kein Zuhause zu haben, begleitet mich mein ganzes Leben. Heimweh ist etwas, was ich nicht kenne. Auf keiner meiner Reisen habe ich mich nach „zu Hause“ gesehnt, weil ich im Grunde keine Ahnung habe, was das genau ist. Ich war lange rastlos und werde es wohl auch immer bleiben, aber ich erkenne aber langsam die Chancen, die diese Rastlosigkeit bietet und nehme mir die Zeit, Luft zu holen. Die Rastlosigkeit muss mir aber nicht den Atem nehmen, genauso wie die Heimatlosigkeit ein negatives Gefühl sein muss. 

Das Außenseiter-Dasein ist eines meiner ältesten Gefühle. Ich bin immer die, die nicht dazu passt – wozu auch immer. Die vielleicht anfangs abweisend oder besser: weniger zugänglich wirkt. Ich gehe zwar offen auf Menschen zu, aber es fällt mir nicht leicht. Weil ich immer authentisch sein möchte und aber gleichzeitig das Gefühl habe, dass ich es nicht bin. Weil ich die eigene Authentizität immer mit der der anderen verglichen habe. Wenn ich bei anderen wahrgenommen habe, dass sie leicht und locker in Situationen passen, dann war das etwas, was ich auch wollte. Und gerade dieses Nachdenken darüber hat dazu geführt, dass ich nicht bei mir war. 

Denn ich bin nicht wie andere. 

„Sie gehen Nicht-Beziehungen ein“, hat mir meine Therapeutin mal gesagt. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, was sie damit meint. Aber ich denke, dass ich es langsam verstehe. Ich habe kein Problem damit, jemanden meine Gedanken oder Gefühle zu schildern. Das fühlt sich in erster Linie erstmal tief an, ist es aber nicht. Denn ich kontrolliere sehr genau, wie tief es ist und wird, was ich preisgebe und vor allem wie viel. Dies aber immer mit der Angst im Nacken, dass es mich verletzen könnte. Das mag höchstwahrscheinlich mehr sein, als es andere tun. Aber es geht alles noch so viel tiefer und so viel intensiver. Das würde niemand verstehen und das muss und soll auch niemand. Ich schütze diesen tiefen Kern, weil ich ihn selbst noch nicht verstehe. 

Denn ich bin nicht wie andere. 

In meiner Kindheit wurde mir das immer negativ ausgelegt und eingeredet. So lange bis ich es selbst verinnerlicht habe. „Du bist ja auch seltsam“, dieser Satz, gleichgesetzt mit „Niemand hält es mit dir aus“, hat dafür geführt dass ich sehr lange Zeit keine Ahnung hatte, wie ich eigentlich bin und zu was ich imstande wäre, wenn ich diese Glaubenssätze nicht so sehr verinnerlicht hätte. Die Mischung aus unbedingt dazugehören zu wollen und eigentlich nicht zu wissen, wozu und warum, hat dazu geführt, dass ich mich mein Leben lang verloren gefühlt habe. Die eigene Authentizität war für mich immer abhängig davon, was ich an anderen authentisch gefunden habe. Das hat sich immer falsch angefühlt, ich fühlte mich wie ein Betrüger, der dem Leben anderer nacheifert und doch nicht dazugehört. 

Ich habe meine Entscheidungen im Leben immer spontan und ausschließlich aus Bauch- und Herzgefühl getroffen und mir dabei so oft gewünscht, dass ich es wie rationale Menschen handhaben könnte. Erstmal drüber nachdenken, als direkt die Arschbombe machen. Die Konsequenzen vorab zu bedenken, statt sie nachher ausbaden zu müssen. Um abzuzählen wie oft das geklappt hat, brauche ich keine meiner Hände. Es mögen nicht immer die besten Entscheidungen gewesen sein, ganz sicher waren sie oft unvernünftig – rational betrachtet. Aber es sind meine Entscheidungen und egal wie und wie schnell ich sie getroffen habe, ich stehe immer dazu. 

Was ich in all diesem Wirrwarr nicht erkannt habe, ist, dass ich dabei meine eigene Authentizität längst gefunden habe. Ganz langsam lichtet sich der Nebel und ich erkenne, dass die eigene Authentizität immer unter einem gewissen Einfluss anderer Menschen steht, sich darüber hinaus aber ihren eigenen Weg sucht. 

Du bist gut so, wie du bist. 

Das ist ein Satz, den ich unendlich oft gelesen und auch gehört habe. Und trotzdem ist er für mich immer nur irgendein ein Satz geblieben. 

In letzter Zeit habe ich diesen Satz oft von einem Menschen gehört, der sehr ähnliches erlebt hat und an dem mir sehr viel liegt. Vielleicht ist das schon der Grund, warum der Satz mehr Gewicht hat. Nämlich so viel Gewicht, dass er schwer und groß genug ist, um eigenständig stehen zu bleiben. 

Er zeigt mir jetzt, dass ich so sein darf. Dass es okay ist, anders zu sein und dass es nicht schlechter ist, am Rand zu stehen. Und dass eigentlich völlig egal ist, wo ich stehe, so lange ich zu mir stehe. 

Das ist ein ganz neues Gefühl. Ich fühle mich nicht mehr kleiner als andere. Dieses Gefühl hat lange meine Unsicherheit ausgemacht und mich an meinen Entscheidungen zweifeln lassen; nicht wissen lassen, wer ich eigentlich bin und was ich kann. Sich kleiner als andere zu fühlen bedeutet, zu anderen aufzuschauen und so wie sie sein zu wollen. Und doch bleibt am Ende immer die Frage, wer ich eigentlich selbst bin, wenn ich anders sein will. „Nicht gut genug“ war und ist oft die Antwort darauf. Aber für wen bin ich nicht gut genug? Und für wen muss ich gut genug sein? Merkste selber, ne? 

Es ist an der Zeit, die eigenen Erwartungen auf mich selbst zu übertragen. Andere so sein lassen, wie sie sind und vor allem mich so sein zu lassen, wie ich bin. Denn das ist alles ganz okay so. All das Chaos, die Gefühle, Gedanken, Entscheidungen, die Unvernunft, die Rastlosigkeit, die Heimatlosigkeit – all das macht mich aus. Aber eben anders als ich bisher dachte. Nämlich sicher und groß genug für mich selbst.

Und ich will genau so sein.

2 Comments

  1. Manches davon kommt mir bekannt vor.
    Ich konnte nie genügen, vor allem nicht mir selbst, aber auch ganz konkret anderen, schon und vor allem in der Kindheit. Das hat sicher Einfluss auf mein Vrhältnis zu mir selbst gehabt. Soweit, mich in jeder Hinsicht zu akzeptieren, das rational verstandene „Du bist gut, so wie Du bist“ auch zu leben, ist schwer und gelingt mir oft noch nicht.
    Aber ich bin dabei zu erforschen, wer und wie ich bin, nicht wie ich sein wollte oder vermutete, wie andere wünschten, dass ich sei.
    Ich hatte 64 Jahre Zeit dieses Model von, „so wäre ich gern“, „so sollte ich sein“ und „dem kann ich nicht genügen“ aufzubauen. Es noch einige Zeit brauchen, bis ich das, was ich bin en Detail kennen gelernt habe und akzeptire, wie es ist. Immrhin erkenne ich mehr und mehr die Hintergründe, wie es zu meinem bisherigen Selbstbild gekommen ist, das gar nicht meines ist.

    1. Danke für deinen Kommentar! Man lernt nie aus, am wenigsten, wenn es um einen selbst geht. Aber das ist auch meist gut so, ich für meinen Teil möchte nicht unreflektiert oder gar ignorant durch die Welt gehen. Sich selbst kennenzulernen ist wohl eine lebenslange Aufgabe, die aber sehr bereichernd ist. Hör nicht auf, auf dich zu hören. Denn eigentlich geht es nur darum im Leben, den Weg zu sich selbst zu finden.

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