Übrigens: ich bin lebensfähig

Ich weiß, was ich kann und ich weiß, wer ich bin. Vertrau mir. 

Ich wiederhole mich immer wieder, aber es ist wichtig, dass Depressionen als Krankheit begriffen werden. Das bedeutet auch zu erkennen, dass jede Krankheit unterschiedliche Ausprägungen hat, das individuelle Krankheitsbild ist niemals gleich. Schmerzen können unterschiedlich auftreten und wahrgenommen werden, Behandlungen können auf unterschiedliche Art erfolgen und anschlagen. Das gilt für Schnupfen, Kopfschmerzen, Krebs und auch für Depressionen. 

Das klassische Bild der Depression setzt sich zusammen aus Verzweiflung, Traurigkeit, Rückzug, Lähmung und Angst. Wenn meine Dämonen stärker werden, dann kann ich dem nur bedingt etwas entgegensetzen. Mein letzter Einbruch ist gerade mal eine Woche her. Ich bin mit einem Gefühl der Enge aufgewacht, das sich schon Tage vorher angekündigt hat. Wenn es immer enger wird, dann entlädt es sich irgendwann unweigerlich. Es kam, wie es kommen musste: ich war nicht in der Lage, mein Bett zu verlassen, habe sehr viel geweint. Dabei kann ich nicht sagen, was unerträglicher war, die Traurigkeit oder die Leere. Das Verrückte daran ist, ich kann beides zur gleichen Zeit spüren. Eins der beiden Gefühle ist allein schon kaum auszuhalten, gepaart legt es bei mir alles lahm. Mein Anblick an diesem Tag hat alle Vorstellungen des klassischen Depressiven bedient. 

Mittlerweile kann ich diese Tage aushalten, weil ich weiß, dass sie vorbeigehen. Ich weiß, wann ich beim ersten Gefühl der Enge noch ein wenig steuern kann. Ich kann aber auch akzeptieren, wenn die Kraft dafür nicht reicht. Dann lasse ich die Welle über mir zusammenbrechen und hoffe, dass es schnell vorbei ist.
Das ist mir nicht immer gelungen. Früher haben mich diese Wellen verschluckt, ich war über Tage handlungsunfähig. Die Angst, dass es nicht mehr vorbeigeht hatte mich fest im Griff und hat mich immer weiter hineingetrieben in den Absturz. 

Lange Zeit hat das alles bestimmt. Schwere Tage, schlaflose Nächte, im Bett liegend, mir die Ohren zu haltend, weil ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören wollte. 

Und dennoch: ich habe mein Leben immer hinbekommen. Ich habe meinen Beruf weiter in Vollzeit ausgeübt, meine Miete und meine Rechnungen bezahlt, mich um meine Wohnung gekümmert und soziale Kontakte gepflegt. Ich habe meine Freunde zum Lachen gebracht, auch wenn mir selbst nicht danach war. Ich habe mich für Bücher, Politik und das Leben interessiert. Ich habe Konzerte besucht, die Musik in mich aufgesogen, so froh darüber dass es sie gibt. 

Klar, das hat eine Menge Kraft gekostet. Es fühlte sich für mich aber immer alternativlos an. Ich musste mich zu diesen Dingen nicht zwingen, ich habe es einfach gemacht. Größtenteils jedenfalls. Und natürlich hat mich das erschöpft. 

Meine Freunde haben immer die „normale“ Jasmin gesehen, gerade auch weil ich die kranke Jasmin versteckt habe. Niemand sollte mich in den Phasen meiner Depression sehen. Ich hielt es schlicht für nicht zumutbar – für die anderen nicht und vor allem nicht für mich. Ein Außenstehender, der nichts von meiner Krankheit weiß, würde vermutlich nicht direkt darauf kommen, dass ich manchmal nicht weiß, wohin mit mir. Ich schaffe es, eloquent und witzig zu sein und das ist meist auch keine Fassade. Natürlich fake ich auch ein Lachen, wenn mir nicht danach ist. Es ist einfach einfacher, als dem anderen zu erklären, was wirklich mit mir los ist. Gerade auch, wenn ich es selbst noch nicht verstehe. 

Krank zu sein erzeugt aber immer Mitleid. Das ist generell nichts Schlechtes, wird aber durch das eigene Empfinden der anderen Situation gefärbt. Das macht es für den Bemitleideten manchmal schwieriger, damit umzugehen.

Gerade bei Depressionen. Weil es der andere oft nicht versteht, fischt die Sorge im Trüben. Man möchte mir nicht zu viel zumuten und man hat Angst, dass ich mir selbst zu viel zumute. Das ist okay, birgt aber einen kleinen Fehler: ich weiß, was ich mir zumuten kann. Ich bin depressiv, nicht realitätsfremd. Der Eindruck, den man von einer Depression hat, scheint oft tiefer als das, was ich wirklich zu sagen habe. 

Ich lebe mit mir seit bald 44 Jahren. Ich habe Therapien, Klinikaufenthalte und eine Menge erhellender Momente hinter mir. Ich habe mich exzessiv mit mir auseinandergesetzt und mich dabei besser kennengelernt, als ich es je gedacht hätte.

Was ich meine ist: ich weiß, was ich mir zumuten kann. Ich weiß, was ich schaffen kann. Weil ich weiß, wer ich bin und wie ich ticke. Darum ist es mir wichtig, ein paar Dinge klarzustellen:

Versuche nicht, deine Gedanken auf mich zu übertragen, denn ich bin ein anderer Mensch als du. Deine Befürchtungen und Sorgen sind allein deine, nicht meine. 

Es ist nicht nötig, sich Sorgen zu machen, wenn du genau hinhörst, was ich dir erzähle. Denn ich werde dir immer die Wahrheit sagen, was mich angeht und ich kann mich selbst ganz gut einschätzen. Ich weiß, was ich leisten kann und was nicht.

Versuch nicht, mich zu beschützen, lass mich einfach machen. Auch wenn du für dich anders entscheiden würdest.

Respektiere, dass ich einen anderen Weg gehe und versuche, mich dabei zu unterstützen, wenn du magst. Aber lass mich meinen Weg gehen, denn es ist meiner und nicht deiner. Auch wenn ich dabei nicht immer direkt einen Weg festgelegt habe, sei sicher, dass ich keinen Schritt unbedacht mache.

Ich treffe meine Entscheidungen mit Bauch und Herz und so gut wie nie mit dem Kopf. Auch wenn du da anders bist, sind meine Entscheidungen nicht unvernünftiger als deine.

Vertraue mir, dass ich mich gut genug kenne, um zu wissen, was ich mir zumuten kann. 

Ich weiß, dass die Depression nicht mehr heilbar ist und dass ich bis zum Ende damit leben werde. Das ist okay. Sie fordert viel, aber sie gibt mir auch genauso viel. Das macht mich zu dem Menschen, der ich bin.

Sieh genau hin, denn ich bin mehr als meine Krankheit. Ich bin ein eigenständiger Mensch, der sein Leben auf die Kette kriegt und ich war nie weniger als das. 

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