Verletzungen

Wo Krieg ist, da gibt es Blut und Verletzungen. Wo Krieg ist, da ist der Tod nicht weit. 

Manchmal ist der Krieg nicht immer sichtbar. Es gibt Kriege, über die wird nicht in den Nachrichten berichtet. Es gibt Kriege, die tauchen in keiner Zeitung auf. Es gibt Kriege, da sind Verbündeter und Feind ein und die selbe Person. 

Es gibt Kriege, die toben unsichtbar. Es gibt keine Wunden zum Versorgen, keine Toten zu bestatten, kein Blut zum Wegwischen, keine Gebäude zum Wiederaufbauen, keine Hinterbliebenen zu trösten. 

Unsichtbar, aber nicht weniger schmerzhaft und vor allem nicht weniger tödlich. 

Wenn das große Nichts sich mit lautem Getöse in dir ausbreitet, dann beginnt der Kampf. Wenn jeder Gedanke ein weiterer Beweis für die allumfassende Hoffnungslosigkeit ist, wenn jede Erinnerung dir die Worte raubt und nur noch Tränen hinterlässt, dann weißt du eigentlich schon, dass du den Kampf nicht gewinnen wirst. Nicht gewinnen kannst. Denn die Hoffnungslosigkeit ist so viel stärker als du selbst es bist. 

Sie breitet sich mit einer Druckwelle in dir aus, die dich in Fetzen reißt. 

„Depression ist … Ein innerer Krieg. Ein schwarzer Hund (danke, Winston Churchill und Dr. Johnson). Ein schwarzes Loch. Ein unsichtbares Feuer. Ein Dampfdruckkocher. Ein Teufel in dir. Ein Gefängnis. Ein Mangel. (…) Ein Schadcode im Betriebssystem unseres Kopfes. Ein Paralleluniversum. Ein lebenslanger Kampf. Ein Nebenprodukt der Sterblichkeit. Ein Wirklichkeit gewordener Alptraum. Eine Echokammer. Dunkel und hoffnungslos und einsam. Die Kollision zwischen einer alten Seele und einer modernen Welt (Evolutionspsychologie). Ein beschissener Schmerz.“

aus „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ von Matt Haig

Dem standzuhalten ist so gut wie unmöglich. Der Schmerz ist nicht zu ertragen. Alles in dir drin zerbricht und du willst nur noch, dass es aufhört. Aber das entzieht sich deiner Kontrolle. Hilflos stehst du da und kannst nichts tun. 

Manchmal gibt es Momente, in denen du hoffst, dass du den Schmerz kontrollieren kannst. Was unmöglich ist, denn im Inneren hast du keinen Einfluss auf seine Heftigkeit und Dauer. Also versuchst du in deiner Verzweiflung den Schmerz in etwas zu transportieren, was zumindest einigermaßen kontrollierbar ist. Du willst ihn aus deinem zerstörten Inneren nach außen schleppen. Ans Tageslicht, damit er sieht, wie schäbig er ist. Damit du über ihn triumphieren kannst, ihm ins Gesicht lachen und sagen, dass du es geschafft hast, du hast ihn weggeschleppt, ihn aus deinem Herzen gejagt, ihm so richtig in den Arsch getreten. Du schreist ihn an, dass du jetzt der Boss bist, die Zeiten sind vorbei, in denen du ihm ausgeliefert warst. Ab jetzt bestimmst du, wann es anfängt und wann es endet. Denn draußen bist du die Starke. 

Denkst du. 

Denn das bist nicht du, die jetzt die Kontrolle hat. Das bist nicht du, die gewinnt. 

Das ist die Verzweiflung, die dich antreibt. Sie lähmt dich nicht. Sie pusht dich, sie gibt dir die Kraft, dich zu bewegen. 

Sie redet dir ein, dass du ab jetzt bestimmst, wo es lang geht. Sie lässt dich spüren, zu was du im Stande bist. 

Du beginnst, deine Handinnenfläche zu drücken, immer fester. Du bohrst deinen Finger hinein bis es wehtut.

„Lächerlich“, sagt die Verzweiflung.

Du beginnst, dich in deinen Oberschenkel zu kneifen. Immer fester. 

„Ach herrje, ein blauer Fleck“, sagt die Verzweiflung. „Da geht noch was.“

Du nimmst dir ein Messer und ritzt dir eine Wunde in den Arm. 

„Siehst du, du lebst doch noch.“, sagt die Verzweiflung. „Du kannst etwas empfinden. Und du kannst bestimmen, wann das Empfinden beginnt und wann es endet. Scheiss auf den Schmerz. Du bist stärker, du kannst ihn beherrschen.“

Für einen kurzen Moment glaubst du ihr. 

Dann erkennst du, dass du dich damit selbst zerstörst. Du schämst dich, dass du der Verzweiflung so nachgegeben hast. Du bist erschreckt darüber, dass du dich selbst verletzt hast. Wischst das Blut weg und hoffst, dass es niemand bemerkt.

Und weißt, dass es jederzeit wieder passieren kann. Denn Kontrolle ist etwas, was im Krieg kaum möglich ist.

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