Alles wird gut

„In meinem Bauch dieses Ziehen,
alles wird sich verändern.
Ich bemerke das vertraute Kribbeln in meinen Händen.
Alle Zeichen auf Sturm, ja es geht endlich los.“*

Selbstwirksamkeit, Selbstkontrolle und Selbstbewusstsein waren lange Zeit meines Lebens Worte aus dem Duden. Ich konnte die theoretische Bedeutung verstehen, doch was mir fehlte war das Gefühl dazu. Mein Leben und wie ich es führte, war auf dem aufgebaut, was ich als Kind erfahren musste. Das ist normal, das macht jeder. Aber meine Startbedingungen waren schwieriger. Jedes Gefühl, das ich für mich selbst entwickelte, war geprägt von der Abwertung, die mir von klein auf vermittelt wurde. Ich habe so lange verzweifelt versucht, es anderen recht zu machen, habe um Anerkennung gekämpft und konnte doch gleichzeitig nicht mit ihr umgehen, wenn ich sie mal erfahren habe. Weil ich keine Ahnung hatte, worauf sie gründen könnte. 

Die Zerrissenheit ist ein alter Freund, der mich lange begleitet hat. Der vermeintliche Ankerpunkt in meiner Kindheit war mit so viel Schmerz und Einsamkeit verbunden. Dort wo ein geschütztes Zuhause sein sollte, wurde mir meine eigene Identität abgesprochen und durch etwas ersetzt, was man in mir sehen wollte. Aber eben auf einer Basis, die niemals so wertvoll war, wie es andere Menschen waren. Zerrissenheit, weil ich hätte gar nicht geboren werden sollen und leider nun trotzdem da war. Zerrissenheit, weil man mich dabei mit falscher Zuneigung überschüttet hat, für die ich mich immer und jederzeit dankbar zu zeigen hatte, weil man mich ja trotz allem behalten hat. Sätze wie „Ich wünschte, wir hätten dich weggegeben.“ und „Du weißt gar nicht, wie gut du es hast.“ führen bei einem Kind nicht dazu, dass es hier eine Konstante gibt, auf die es sich verlassen kann. Die Sätze, die ich mir über 30 Jahre in meinem Leben anhören musste, werden immer wie rostige Nägel in meiner Seele bleiben. Sie haben sich dort eingebohrt, aber sie tun mittlerweile weniger weh. 

„Es ist tief, ein bisschen tiefer als ich dachte.“

Ich habe mich durch diesen ganzen stinkenden Schlamm gewühlt. Mehrmals. Ich bin immer wieder durch die Hölle gegangen und habe den Schmerz dabei so oft durchlebt, bis alles offen war. Und als ich dachte, dass ich nicht mehr schreien kann, da wurde er weniger. Weil ich gelernt habe, seine Existenz zu akzeptieren, statt dagegen anzukämpfen. 

Plötzlich öffnen sich Türen, die mir zeigen, dass es eine andere Welt gibt. In der ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Art Verlässlichkeit spüre. Auf mich selbst, weil ich so viel geschafft habe. Weil ich so viel überlebt habe. Weil ich immer noch da bin. Und weil ich nun die Möglichkeit habe, mir meine Welt und mein Leben bewusst zu gestalten. Ich werde mutiger, weil ich meine Gefühle kenne. Die Zerrissenheit ist fort, weil ich weiß, wo ich sein will. Denn ich kann mich selbst spüren und es fühlt sich manchmal an wie eine Naturgewalt. Weil so viel so lange von anderen unterdrückt wurde. Aber was unterdrückt wird, ist nicht weg. 

„Und ich fühle mich klein und gleichzeitig unendlich groß.
Und ich sing in den Wind, alles wird gut.“ *

Alles ist gut. Was lange Zeit eine Affirmation aus Lebensratgebern war, ist nun zu einem Zustand in meinem Leben geworden, der sich immer öfter einstellt. Damit sind die schlechten Zustände nicht verschwunden, aber sie sind auszuhalten. Weil ich weiß, dass sie temporär sind. Ich beginne, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich mag meine kleinen Rituale, die ich mir im Alltag geschaffen habe, um mich in Ruhe und Achtsamkeit zu üben. Ich mag es, dass ich für mich sorgen kann, weil ich weiß, was mir gut tut. Ich mag, dass ich jeden Tag weitere Dinge entdecke, die mir gut tun. Und ich mag sehr, dass es immer kleine Dinge sind, die ich erst auf den zweiten Blick bemerke. Denn die kleinen und leisen Dinge haben mir schon immer mehr bedeutet als das große Feuerwerk. Ich beginne, mir selbst bewusst zu werden und ich mag, was ich dort finde. 

„Du bist wunderschön, außen wie innen.“ hat mir meine beste Freundin letzte Woche gesagt. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich hier nicht schnell das Thema wechseln, weil es mir unangenehm war. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich darauf so reagiert, wie es sich gut anfühlt: mit so viel Liebe für diese Frau, die mir die Welt bedeutet und mit viel Freude darüber, dass sie mich so sieht, wie ich sie. Gesünder haben sich meine Seele und mein Herz noch nie gefühlt.

Es hat sich in kurzer Zeit so unendlich viel zum Guten entwickelt, dass ich manchmal innerlich darüber schmunzeln muss, weil ich so lange in der Dunkelheit war. Aber auch das ist neu: ich hadere nicht darüber, dass ich mehr Zeit im Schmerz verbracht habe. Es ist, wie es ist. Ich muss diese Zeiten nicht in Relation setzen. Alles dauert so lange, wie es dauern soll.

„Alles wird gut.“

Immer. Wenn man nur bereit ist, zu springen. Und ich würde immer wieder springen. Ich würde immer wieder durch den Schmerz gehen, weil ich genau weiß, dass kein Schmerz für immer anhalten wird. Und weil es für mich nur den Weg da durch gibt, um zu verarbeiten. Ich kann nicht davor weglaufen, ihn ignorieren oder vermeiden. Er bleibt trotzdem da. Ich fürchte mich nicht mehr vor der Dunkelheit, weil ich weiß, dass auch sie vorbeigeht.

„Alles wird gut.“

Wenn man sein Herz offen hält und wenn man darauf vertraut, dass man alles schaffen kann, wenn man dem Leben und den Menschen mit Liebe begegnet. Denn sie ist die universelle Kraft, die uns am Leben hält. 

„Ich nehm Anlauf und spring, ich trau mich jetzt,

Alles wird gut, singt für mich mein Herz.“ *

*Matze Rossi „Das vertraute Kribbeln in meinen Händen“

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