44. Uff.

„Nichts ist verloren, wenn man den Mut hat, zu erklären, dass alles verloren ist und wir von vorn beginnen müssen.“

(Julio Cortázar)

44 Jahre. Ich bin 44 Jahre alt. 

Vorgestern war mein Geburtstag. Nie hat mir mein Geburtstag gleichzeitig so wenig bedeutet und mich doch so sehr beschäftigt, wie in diesem Jahr. 

Mein Geburtstag, oder besser der Monat Dezember ist jedes Jahr mein Angstgegner, das ganze Aufheben um Weihnachten stresst mich von Jahr zu Jahr mehr. 

Mein Geburtstag ist mir seit je her zu viel. Ich mag nicht im Mittelpunkt stehen. Ich freue mich, wenn man an mich denkt, aber ich bin überfordert, wenn es eine Reaktion von mir erfordert. Lieb gemeinte Gratulationsanrufe landen auf meiner Mailbox. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht darüber freue.

In den Jahren nach meiner Krebserkrankung war mein Geburtstag immer ein kleiner Triumph. „Wieder ein Jahr überlebt“– das hat mich immer ein bisschen stolz gemacht. 

In den Zeiten meiner Depressionen ist es ein „Uff, wieder ein Jahr hinter mich gebracht“ – immer mit der Hoffnung, dass das nächste besser werden wird. Oder halt mit der Angst, dass es scheisse bleibt.

Mein 44. Geburtstag hat im Vorfeld sehr an mir genagt, ohne dass mir richtig klar war, warum das so ist. Es gab Momente, da sah ich mich schon in eine Midlife Crisis schlittern, mein Gesicht nach neuen Falten und mein Haar nach weißen Störenfrieden absuchend. Und trotzdem wusste ich nicht, was genau gestört hat. 

Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es die Zeit an sich ist. Gefühlt vergeht sie immer schneller und wenn ich zurückblicke, dann ist da ein ganz schön großes Knäuel aus Dingen, die wirklich krass waren, die wirklich bereichernd waren und von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mal sein werden, wie sie geworden sind. Ich habe mich oft gefragt, ob ich das Leben lebe, dass ich wirklich leben möchte, habe Dinge gesehen, die mir fehlen, Dinge, die ich hätte anders machen sollen und Ding, die mir viel abverlangt haben. Die Negativspirale meiner Vergangenheit hat mich vor meinem Geburtstag fast verschlungen. Ich habe mich gefragt, wie es weiter geht und ob ich irgendwann einmal das Leben führe, das ich mir erträume. 

Spoiler: Klappt nur so mittel, wenn du einen depressiven Kopf hast. 

Dabei habe ich – mal wieder – übersehen, was ich alles habe, was mich eigentlich ausmacht und was ich schon getan habe, um mein Leben in die Bahnen zu lenken, die mir etwas bedeuten. 

Träume sind eine große Wunschvorstellung in meinem Kopf, die mich immer wieder von dem abhalten, was wirklich da ist. Ich trauere Träumen hinterher und es fällt mir schwer, den Abstand davon zu nehmen, der mir gut tun würde. Schon als Kind habe ich mich in eigene Welten hinein geträumt, die immer wieder irgendwann hart mit der Realität kollidierten. Ein schmerzhafter Fall ist da vorprogrammiert. 

In meiner Kindheit wurde mir immer wieder gesagt, was ich alles NICHT könne, was ich alles NICHT wäre und was ich alles NICHT werden würde. Das führt dazu, dass ich mich immer selbst unterschätze.
In hellen Momenten wird mir klar, aus mir IST JEMAND geworden, der vielleicht nicht den Weg genommen hat, den man sich für mich erdacht hatte, aber eben auch nicht den Weg, den man mir eingeredet hat. 

Ich habe keine Familie gegründet und das ist gut so. Ich bin einfach nicht der Typ, der sich im Mutterdasein erfüllt sieht. 

Ich bin zwar den konventionellen Weg mit Ausbildung und Berufsleben gegangen, aber ich habe mir abseits dieses Weges unkonventionelle Dinge gesucht.

In meinen vierziger Jahren setzt gefühlt langsam eine Art Altersweisheit ein. Ich kann Dinge so lassen, wie sie sind. Ich merke deutlich, wie sich Ansichten und Tempo im Leben verändern. Das Gefühl dafür, worauf es mir wirklich im Leben ankommt, verstärkt sich. Ich bin dabei, Dinge zu finden, die andere vielleicht abschrecken, sich für mich aber richtig anfühlen. Mehr noch: zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine Entscheidung für mein Leben getroffen, die nicht den Hauch eines Zweifels hinterlässt. 

Ich muss lernen, dass der Blick in die Vergangenheit vielleicht in der Erinnerung schön sein kann, mich aber für die Zukunft blockiert. Denn in der Vergangenheit ist nicht nur die Unsicherheit, die Abwertung und der Schmerz verankert. Sondern auch die Vorstellung von einem Leben, wie ich dachte, dass ich es mal führen würde. 

Ich werde lernen, dass ich genau jetzt bei mir selbst ankomme und beginne, ein Gefühl für mich zu entwickeln, welches aber nichts mit dem zu tun hat, was mir als Kind eingeredet wurde. Denn ich weiß mittlerweile, was ich kann, wer ich bin und was aus mir geworden ist.

Die Antwort darauf lag allerdings nicht auf dem Weg, auf den mich meine konservative Familie gezwungen hat, sondern sie lag in der Konsequenz dieses Weges. 

Mit 44 mögen Falten dazugekommen sein. Ich entdecke auch zunehmend mehr weiße Haare. Das bleibt nicht aus, lässt sich aber akzeptieren und pflegen. Ich werde mich auch immer wieder verlieren, sei es in der Vergangenheit oder in der Traurigkeit. Aber ich weiß, wo ich dann suchen muss. 

„Die 44 ist eine Zahl, nichts weiter“ wurde mir gesagt. Das stimmt für mich aber nicht. Die 44 ist seltsam und alt, gefühlt und nicht gefühlt, Schreck und Hoffnung, Anfang und Fortgang. Die 44 ist eine ganze Menge. Erst recht an Jahren und Entwicklung. 

Die 44 ist vermutlich meine Halbzeit und die Chance, dass ich die zweite Spielhälfte für mich gestalten und entwicklen kann. Mit allem, was dazugehört.

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