Tschö 2023 – Das war wild

Aus Angst lernen und erkennen. Das ist neu. 

Ich habe einen Vorsatz für das neue Jahr. Ich werde ab jetzt jedes neue Jahr mit einem „Puh“ beginnen. Puh, ohne Punkt, ohne Ausrufezeichen und ohne Fragezeichen. Was dahinter kommt, entscheide ich am Ende des Jahres. Denn das Gute am Wort „Puh“ (sofern überhaupt ein Wort) ist, dass es mit jeder Endung versehen werden kann. Je nach Gemütslage halt. Und Gemütslagen… damit kenne ich mich ganz gut aus. 

2022 ließ gegen Ende mitschwingen, dass 2023 spannend wird. Die Kündigung meines alten Jobs, die Vertragsunterzeichnung für meinen neuen Job und trotzdem war alles noch weit weg. So konnte ich mich ein halbes Jahr darauf vorbereiten, dass sich dann mein Leben um 360 Grad drehen und ändern würde. 
Als ob! Ehrlicherweise sollte ich zugeben: Erstens, man kann sich auf sowas nicht vorbereiten. Und zweitens ist das überhaupt nicht mein Stil. Ich lasse Dinge grundsätzlich auf mich zukommen. Immer und alles. Natürlich mit unterschiedlichen Gemütslagen im Vorfeld. So gelassen, wie das hier möglicherweise klingt, ist es nicht.

Absolut nicht.

Denn neben mir läuft immer mein langjähriger Wegbegleiter: Die Angst. Und die ist schon so lange da, dass ich nun ein bisschen mehr zurückreisen muss, als bis zum Jahresanfang 2023.

Sie begleitet mich nun seit 47 Jahren und ich bin sicher: Sie bleibt. Sie wurde zu fest zementiert und so lange mit Abwertungen und Beschimpfungen gegossen, so dass sie fest im Boden steckt. Dem Boden des psychischen Missbrauchs, der mich die ersten 30 Jahre meines Lebens begleitet hat. Sehr lange wurde daran gearbeitet, mich im Inneren zu zerstören. Mit großem Erfolg! Jede der Abwertungen und Beschimpfungen wurde zu meiner Realität. In der ganzen Zeit hatte ich keine Ahnung, wer ich überhaupt war. Ich wusste nur, wer ich zu sein hatte. Und ich kämpfte, weil ich darin nie gut genug war. Alles, was ich wollte war, dass jemand den Menschen liebt, der ich nunmal war. Auch wenn ich nie ausreichte. Und trotzdem hat etwas in mir drin immer daran geglaubt, dass auch schreckliche Menschen (wie ich) Liebe verdienen. Danach sehnte ich mich so sehr, dass es weh tat. Und mit diesem Schmerz tat ich mir selbst weh. Nicht nur innerlich. Ich sehnte mich nach Liebe und Akzeptanz und fand trotzdem, dass ich Liebe nicht verdiene. Denn, wer liebt schon jemanden, der nicht gut genug dafür ist?
Wie sich das anfühlt? Wie langsames Ertrinken, gegen das man verzweifelt anstrampelt. 

Ich dachte, dass jemand wie ich niemals Liebe und Akzeptanz verdienen könnte.

Irgendwann habe ich den Menschen aus meinem Leben geschmissen, der mich so lange misshandelt hat. Nicht leicht, wenn es die Familie ist. Bis heute habe ich keine Ahnung, woher damals diese diese Kraft kam. Vielleicht war da ein Punkt, an dem ich nicht mehr mehr leiden konnte. An dem der Schmerz so groß war, dass er taub geworden ist. Und mir das vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben etwas Macht über mich selbst gegeben hat. 

10 Jahre lang war ich einfach nur erschöpft, ohne zu wissen, warum. Und innerlich so kaputt, dass ich mich immer noch darüber wundere, dass ich heute noch lebe. Der Gedanke, es zu beenden war immer da. Auch der hat mich die meiste Zeit meines Lebens begleitet. Heute weiß ich, dass ich so nicht bin. Aufgeben ist für mich keine Option. Nicht, solange Hoffnung da ist. Ich habe all diese Dinge ertragen, weil ich gehofft habe, dass ich doch vielleicht anders bin. Anders, als man mir es eingeprügelt hat. 

All das hat Narben hinterlassen. Sehr viele. Und in jeder dieser Narben sitzt die Angst. In den letzten sieben Jahren habe ich mir diese Narben zum ersten Mal richtig angesehen. Sie behandelt und gepflegt. Ich habe gelernt zu verstehen, was zu jeder einzelnen Narbe geführt hat. Und ich habe jede einzelne Narbe akzeptiert. Ich werde all das Schlimme niemals vergessen, aber ich habe gelernt, zu vergeben. Denn was man nicht vergibt, quält uns weiter. Aber die Erinnerung bleibt.

Meine Angst hat mich dieses Jahr sehr intensiv begleitet. In vielen Ausprägungen. Natürlich bei meinem Krankheitstrauma. Der Krebs ist in diesem Jahr wieder langsam näher gerückt. Das Jahr startete mit einem Befund. 12 Jahre nach meiner Brustkrebserkrankung versucht er nun wieder, sein Revier zu markieren. Ich kenne das alles. Die Ultraschalluntersuchung, bei der ich schon spüren konnte, dass etwas nicht stimmt. Das anschließende Arztgespräch, bei dem die Ärztin meinen Fragen leicht ausgewichen ist. Ich kann jeden Wimpernschlag deuten, ich weiß, wenn die Hütte brennt. Noch bevor der Arzt überhaupt den Mund aufmacht.
Und dann ist alles wieder da: Die Panik, als drei Tage später der Anruf kam. Der dann folgende Albtraum: Diverse Untersuchungen, Biopsie, Schmerzen, Warten und Angst, Angst, Angst. Dann die Verschnaufpause: Der Befund ist gutartig. Erleichterung? Ja, später vielleicht. Ich musste erstmal schlafen, weil ich mich das in diesem ganzen Wahnsinn nicht mehr getraut habe. Ich wollte nicht, dass ein neuer Tag beginnt, der mein Leben möglicherweise wieder aus den mühsam eingebauten Fugen sprengen wird. 

Und die Erleichterung kam nicht. Bis heute nicht.

Also weitermachen. Einen Lebensabschnitt zu Ende bringen. Durchatmen in den geliebten Bergen. Drei Wochen sowas wie Leichtigkeit. 

Und dann: Durchstarten. In ein komplett anderes Leben. Im Bauch: Freude, Angst, Aufregung, Selbstzweifel und trotzdem sehr schnell die Gewissheit, dass das genau der Weg ist, den ich gehen möchte. Alles neu, alles anders, alles zum ersten Mal. Arsch und Zähne zusammenkneifen, Augen zu und durch. Dinge schaffen, Angstsituationen überwinden, mutig sein. Viel lernen. Viel erleben. Und Reisen. Endlich wieder.

Und nebenbei feststellen, dass in dem neuen Job Menschen sind, die einen da mit viel Herz und Wärme durch tragen. 

Und die mit mir fieberten, als sich bei Nachsorge zur zweiten Krebserkrankung die Werte verschlechtern. Erhöhte Tumormarker brachten mir wieder mehrere Blutuntersuchungen und ein CT. Und natürlich wieder Angst. 
Ich habe zwei unterschiedliche Krebserkrankungen durchgestanden. Und in dem Jahr, in dem ich endlich das Leben leben möchte, für das ich mich zum ersten Mal komplett selbst entschieden habe und für das ich all meinen Mut zusammengenommen habe, klopft der Krebs an beide Türen und erinnert mich, dass alles ganz schnell vorbei sein könnte. Ganz ehrlich: Es ist schwer, dann nicht daran zu denken, dass das Schicksal mich hasst. 

2023 war voller Angst. All die Angst, die auf der alten Abwertung gründet. 

Aber im Gegensatz zu früher konnte ich sehen, dass da auch viel Mut war. Und der ist neu. Er lässt mein Herz laut klopfen. Weil ich ahne, dass er auf Selbstvertrauen gründet. Die letzten sieben Jahre zahlen sich langsam aus. Denn ich kann mich sehen. Zum ersten Mal. Und weil ich jetzt weiß, dass jeder Mensch Liebe verdient, der Liebe in sich trägt. Und die war immer da. Ich habe nur sehr lange an der falschen Stelle gesucht. 

2023 war voller Angst. Aber noch mehr voller Mut und Wachstum. Und sogar ein bisschen Stolz auf mich selbst. Ja, das erlaube ich mir mittlerweile. Und das gehört ganz allein mir. 

Wir werden sehen, was 2024 bringt. Arztkontrollen, ziemlich sicher. Viele. Denn beide Befunde müssen beobachtet werden. Das macht mich sehr nervös. Aber ich versuche, mich auf mein neues Selbstvertrauen zu verlassen. Und auf das Wissen, dass ich schon so viel geschafft habe. 

Alles andere lasse ich auf mich zukommen. Wie immer. 

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