Zehn! Jahre!

Und: Krebs ist ein Arschloch. 

Heute vor 10 Jahren habe ich meine Krebsdiagnose bekommen. 

Ich erinnere mich an jede Minute an diesem Tag. Ich weiß noch, wie ich unbesorgt zu meiner Ärztin gegangen bin, weil ich dachte, das wäre eine Zyste, die ich da getastet hatte. Und wie irritiert ich war, weil sie mir schon auf die Entfernung mit bloßen Auge sagen konnte, dass da was nicht stimmt. Ich weiß noch, dass sie nicht mehr ruhig war, sondern sehr besorgt und ich das irgendwie seltsam fand.

Ich erinnere mich das dumpfe Gefühl, dass da irgendwas schief läuft und dass jetzt ganz schwere Zeiten auf mich zukommen. Ich erinnere mich, dass ich mich gefragt habe, wovon meine Ärztin da redet und warum die Worte „Chemotherapie“ und „viel zu jung“ fielen. 

Ich erinnere mich daran, wie vor meiner Nase die Instrumente für die Stanzbiopsie ausgepackt wurden und ich hilflos auf der Behandlungsliege lag und nicht mehr mitkam. Ich weiß noch, wie man mir anbot, noch ein bisschen in der Praxis zu bleiben, damit ich mich fangen kann und wie ich einfach wortlos rausgegangen bin. Ich weiß noch, wie ich auf der Straße stand, meinen damaligen Freund anrief und ihm sagte, dass die mir gesagt haben, dass ich Krebs habe und eine Chemotherapie machen muss. Und dass ich jetzt erstmal nach Hause komme. 

Ich erinnere mich, wie ich im Kopf immer und immer wieder durchgegangen bin, wem ich jetzt Bescheid sagen muss und wie ich es meiner Schwester beibringe. Ich sehe den Blick meines damaligen Freundes noch vor mir, wie er ganz leer auf den Tisch starrte und nicht sprechen konnte. 

Ich weiß noch, wie ich mich zusammengerissen habe und meinen engsten Vertrauten Bescheid gegeben habe. Komplett ohne Emotionen. Ich konnte nicht mal weinen. Weil ich gefühlt immer noch vor meiner Ärztin stand, Smalltalk machte und ihr sagte, dass sie nur mal auf die Zyste gucken müsste. 

Alles geschah unter einer Käseglocke, alles war dumpf und nicht real. Ich bin mir sicher, dass das die einzig gesunde Reaktion auf den Satz „Sie haben Krebs“ ist, denn alles andere kann der Verstand in diesen Minuten nicht aushalten. 

Ob ich in dieser Nacht Schlaf gefunden habe, weiß ich nicht mehr. Ich blieb einfach unter meiner Käseglocke. Auch am nächsten Tag. Ich ließ alle Untersuchungen im Krankenhaus über mich ergehen und fühlte nichts. Ich höre den Satz „Sie haben bösartigen Krebs“ immer noch in meinen Ohren und spüre immer noch die Hand der Psycho-Onkologin, die sich dann auf meine Schulter legte. Ich weiß noch, dass sie mit mir allein reden wollte und ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. 

In den nächsten Tagen ging alles ganz schnell. Mehr Untersuchungen, Therapiepläne, mir wurde ein Port bei vollem Bewusstsein unter dem Schlüsselbein eingesetzt. Und dann ging auch schon die Chemotherapie los. In meiner Erinnerung ging alles ganz schnell, höchstens ein paar Tage. Tatsächlich lag da ein Monat dazwischen. 

Heute, zehn Jahre später versteht nicht jeder, dass ich mich nicht ungeteilt darüber freuen kann, dass ich schon so lange überlebt habe. Denn da sind so viele Gefühle. Und Erinnerungen, Trauer, Schmerzen und vor allem Angst. 

Heute vor zehn Jahren habe ich mein Sicherheitsgefühl verloren. Ich habe die Leichtigkeit verloren, dass alles schon irgendwie gut gehen wird und mir nichts Ernstes zustoßen kann. Heute vor zehn Jahren hat sich alles für mich verändert. Und ich mich auch. 

Ich bin ein Jahr lang dank der diversen Therapien durch die Hölle gegangen. Ich habe die schlimmsten Schmerzen ausgehalten. Ich habe meinen eigenen Anblick kaum ertragen, vollgepumpt mit Kortison und ohne ein einziges Haar am Körper. Ich habe erlebt, wie es ist, wenn der Körper einfach nicht mehr mitmachen möchte und kleinste Dinge einen riesigen Kraftaufwand bedeuten. Ich spüre heute noch den Ekel vor den letzten Infusionen der Chemotherapie. Ich habe von der Strahlentherapie schlimmste Verbrennungen davon getragen. Man hat mir Drähte ohne Betäubung in die Brust geschossen. Diverse Narben und Hautverfärbungen erinnern mich jeden Tag an diese Qualen. 

Und ich habe Todesangst kennengelernt. Ca. drei Tage nach der Diagnose. Als mir mit voller Wucht klar wurde, dass das jetzt ein ungutes Ende nehmen könnte. Das war die größte Panikattacke, die ich je hatte.

Das alles belastet mich. Ich kann diese ganzen Erinnerungen nicht einfach abschütteln und gerade heute prasseln sie ungefiltert über mich hinein. 

Auch die Angst ist heute wieder da. Davor, dass das noch nicht alles war. Dass der Krebs nicht so einfach mit 34 Jahren kommt und wieder geht und ich dann irgendwann mit 84 im Schlaf friedlich einschlafe. 

Statistisch gesehen gibt es eine Art von Sicherheit, wenn man fünf Jahre geschafft hat. Dann gilt man als Überlebender. Diese fünf Jahre haben mir noch nie etwas bedeutet. Ich kenne viele tapfere Frauen, bei denen der Krebs nach über zehn Jahren wieder zugeschlagen hat und es kein gutes Ende genommen hat. 

Ich habe Angst. 

Vor ganz banalen Dingen. Nicht davor, dass der Krebs wiederkommt und mich umbringt. Denn ich weiß, was dann zu tun ist und ich werde das auch wieder überstehen, wenn es so sein soll.

Ich habe Angst davor, meine Haare wieder zu verlieren. 

Und davor, weitere Narben zu bekommen, an die wieder Erinnerungen geknüpft sind. 

Und Angst davor, mit all dem allein zu sein. 

Ja, ich wünsche mir wirklich, ich könnte mich heute ehrlich freuen und stolz auf mich sein, weil ich so viel überstanden habe. Aber das konnte ich noch nie. Weil ich einfach nie die Wahl hatte, als da irgendwie durchzukommen. 

Ich wünschte, ich würde so etwas wie Erleichterung spüren und ich frage mich, ob das normal ist. Ich sollte mich freuen und ich sollte nach alle dem, was ich hinter mich gebracht habe, erleichtert sein, dass ich heute (hoffentlich) gesund bin. Aber ich kann es nicht. Ich traue mich noch nicht mal auszusprechen, dass ich gesund bin. Weil ich Angst habe, dass das Schicksal genau dann wieder zuschlägt. Ich bin einfach nicht mehr sicher.

Die Sicherheit hat mir der Krebs genommen. 

Und deshalb ist er ein Arschloch.

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